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Berlin im April 2007

“Strahlende” Auslandsgeschäfte für die vier großen Stromkonzerne

Indem sie Verlängerungsanträge für die Atomkraftwerke Biblis A, Neckarwestheim 1 und Brunsbüttel gestellt haben, die in den kommenden Jahren eigentlich abgeschaltet werden müssten, haben sich die großen Energieversorger RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW 2006 und 2007 faktisch vom Atomkonsens verabschiedet. Und wo die Energiekonzerne im Ausland nicht bereits durch Beteiligungen an der Atomstromproduktion mitwirken, bemühen sie sich aktiv um den Einstieg in ausländische Atomkraftwerke. Die Atompläne dort sind umstritten und gerade in Osteuropa sind die Rahmenbedingungen für den Betrieb von Atomkraftwerken denkbar schlecht.

RWE

Neubaupläne in England:

Im Februar 2007 berichtete die Zeitung The Business, dass RWE gemeinsam mit E.ON dabei sei, mit dem amerikanischen Kraftwerksbauer Westinghouse einen Vertrag abzuschließen, um in Großbritannien neue Atomkraftwerke zu bauen.(1) Die Konzerne wollten sich dem Artikel zufolge vertraglich einigen, bevor die britische Regierung ihr „Energieweißbuch“ veröffentlicht. Das „Energieweißbuch“ ist umstritten, da erwartet wird, dass es den Pro-Atom Kurs der Regierung Blair widerspiegeln wird. Greenpeace hat gegen die Erarbeitung des Weißbuch geklagt und vom Gericht bestätigt bekommen, dass der von der Regierung durchgeführte Planungsprozess “äußerst mangelhaft” und “verfahrensrechtlich unfair” gewesen sei, so Richter Sullivan. Denn die Betroffenen konnten über keine konkreten Vorschläge urteilen und die Informationen seien “völlig unzureichend, um intelligent darauf reagieren zu können.“(2)

Rumänien – Neue AKW im Erdbebengebiet?

Im Juli 2006 berichtete AFX-News, dass sich RWE am Bau von neuen Atomreaktoren in Cernavoda an der Schwarzmeerküste beteiligen will.(3) Der dortige Standort befindet sich in einem Erdbebengebiet. Gebaut werden sollen veraltete kanadische CANDU-Reaktoren. Eine vorliegende aber mangelhafte Umweltverträglichkeitsprüfung unterschätzt dieses Erdbebenrisiko systematisch, obwohl in den letzten 20 Jahren vier bedeutende Erdbeben in der Region stattfanden. Zwei Atom-Reaktoren existieren vor Ort bereits, der erste brauchte über 20 Jahre bis zur Fertigstellung und machte vor allem durch Unfälle und Sicherheitsprobleme während der Bauzeit von sich reden. Denn die Rahmenbedingungen für die Atomkraftnutzung in Rumänien sind miserabel, wie auch die Durchführung der Umweltverträglichkeitsprüfung zeigt: Es fanden keine wirklichen öffentlichen Konsultationen statt und Alternativen zum Projekt wurden nicht untersucht. Die möglichen Folgen eines atomaren Unfalls wurden nicht veröffentlicht, ebenso wenig ein Unfallplan. Was längerfristig mit den atomaren Abfällen passieren soll, ist ebenfalls unklar. Mittlerweile hat die kanadische Regulierungsbehörde klar gemacht, dass in Kanada neue Atomreaktoren terroristischen Anschlägen standhalten müssen. Experten sind der Meinung, dass die heutigen CANDU-Reaktoren, wie sie in Cernavoda stehen bzw. geplant sind, diesen Anforderungen nicht entsprechen und damit in Kanada nicht mehr genehmigungsfähig wären.

Polen:

Obwohl Standort und Finanzierung für ein mögliches erstes Atomkraftwerk in Po-len noch völlig unklar sind, meldete RWE bereits Interesse an. Platts Nuclear Week zitiert Quellen, die auf die ähnliche Struktur von Polens Energiemarkt mit dem RWE-Energiemix hinweisen: Ein hoher Anteil von Stein- und Braunkohle und zukünftig möglicherweise auch Atomkraft.

E.ON

E.ON ist am Auslands-Atomgeschäft besonders interessiert. Der Konzern ist an einem Projekt für neue britische Atomkraftwerke ebenso wie RWE beteiligt und wie RWE bietet er auch für Cernavoda 3 und 4. Außerdem bewirbt sich der Konzern für Beteiligungen an verschiedenen anderen Atomgeschäften.

AKW-Neubau in Bulgarien:

An dem im Bau befindlichen AKW in Belene will sich E.ON als Betreiber beteiligen, das berichtete die bulgarische Zeitung Dnevnik im vergangenen Jahr. Im Norden Bulgariens wurde 1987 mit dem Bau eines Druckwasserreaktors sowjetischer Bauart, WWER - 1000/ 320 begonnen. Der geplante Standort liegt in einem Erdbebengebiet: Beim letzten Erdbeben vor genau 30 Jahren starben 200 Menschen nur 12 km vom geplanten AKW-Standort entfernt. Wegen anhaltender Proteste und Sicherheitsbedenken, gepaart mit finanziellen Schwierigkeiten, wurden die Bauarbeiten 1991 eingestellt. Seit 2003 verfolgt die bulgarische Regierung das Projekt erneut. Im Jahr 2004 wurde eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchgeführt, ohne dass jedoch klar war, was für ein Reaktortyp gebaut werden würde. Damit fehlen der UVP grundlegende Daten. Mögliche Auswirkungen eines schweren Unfalls auf andere Staaten als Bulgarien und Rumänien wurden in der UVP nicht untersucht. Bei öffentlichen Anhörungen wurden die Informationen aus der UVP nicht korrekt dargestellt.(4) Seit Ende 2006 ist klar, dass in Belene ein Leichtwasserreaktor sowjetischer Bauart errichtet werden soll. Dieser ist neu, es gibt weltweit noch keine industrielle Erfahrung damit. Ähnliche Modelle sind in Indien und Taiwan im Bau bzw. gerade erst fertig gestellt, so dass sie noch keine Erfahrungen vermitteln können. Sicherheitsabschätzungen für dieses Reaktormodell fehlen wie insgesamt technische Informationen zum Reaktortyp nur sehr spärlich vorhanden sind. Ebenfalls 2006 zogen sich drei deutsche Banken, die an der Finanzierung interessiert waren (Commerzbank, Deutsche Bank, HypoVereinsBank) wegen breiter Proteste von dem Projekt zurück. E.ON hält jedoch sein Interesse aufrecht.

Interesse an weiteren neuen AKW in Holland, der Slowakei und Finnland, Beteiligung in Schweden:

Wie groß E.ONs Absicht zur Beteiligung an ausländischen Atomkraftwerken ist, zeigt das Interesse an den holländischen Plänen für ein neues AKW (5) und Ankündigungen, sich an einem AKW-Neubau im slowakischen Bohunice zu beteiligen.(6)
Im April machte E.ON zudem Schlagzeilen mit der Ankündigung, ein siebtes finnisches Atomkraftwerk bauen zu wollen (aktuell wird das fünfte AKW in Olkiluoto gebaut) und sich am geplanten finnischen Endlager zu beteiligen. E.ON Suomi hat sich in nahe Loviisa gekauft und erklärt, möglicherweise können das neue AKW bereits im Jahr 2015 in betrieb gehen.(7)
Bereits heute ist E.ON an schwedischen AKW beteiligt, unter anderem (gemeinsam mit Vattenfall) am AKW Ringhals, das im November 2006 durch einen explosionsartigen Brand in der Stromversorgung auf sich aufmerksam machte.

Vattenfall

Probleme in Schweden:

Die Muttergesellschaft von Vattenfall Europa ist der schwedische Staatskonzern Vattenfall AB, dem sieben schwedische Atomreaktoren gehören. Durch den Unfall in Forsmark, wo eine Kernschmelze nur knapp verhindert wurde, wurde sein mangelhaftes Sicherheitsmanagement im vergangenen Jahr offenkundig. Bei dem 26 Jahre alten Siedewasserreaktor in Forsmark nördlich von Stockholm war es im Juli 2006 zu einem „Beinahe-GAU“ gekommen. Zwei von vier Notstromgeneratoren für die Reaktorkühlung versagten nach einem Stromausfall. Nach der Panne wurden vier der zehn Reaktoren des Landes stillgelegt und auf vergleichbare Baufehler überprüft. Ein interner Sicherheitsbericht warnt vor „unakzeptablen Risiken“, dem „Verfall der Sicherheitskultur“ und betrunkenen Arbeitern im AKW. Kurz danach kamen weitere Mängel ans Licht. Aus dem Reaktor 1 des Atomkraftwerks Forsmark ist drei Jahre lang deutlich mehr Radioaktivität ausgetreten, als bisher bekannt war. An diesem Fehler soll eine undichte Abdeckung schuld sein. Durch sie konnten radioaktive Partikel austreten, die sonst in einem Filter aufgefangen worden wären, der zur Messung der Radioaktivität verwendet wird.
Auch im Vattenfall-AKW Ringhals kam es im Herbst zu zwei größeren Unfällen. Beide liefen glimpflich ab.
Die Kapazität des schwedischen Atomkraftwerks Forsmark wird vorerst nicht erweitert. Entsprechende Pläne seien gestoppt, sagte ein Sprecher von Vattenfall im Januar in Stockholm.

EnBW

Hauptaktionär will neues AKW in Frankreich bauen:

Das Unternehmen Energie Baden-Württemberg ist eng mit französischen Atomkraftwerken verwoben, da es zu 45 % dem französischen Staatskonzern Electricité de France (EdF), dem größten Atomstromkonzern der Welt, gehört. EdF betreibt 58 Atomkraftwerke in Frankreich. EDF errichtet derzeit in Flamanville in der Normandie rund 160 Kilometer nördlich von Rennes den ersten europäischen Druckwasserreaktor. Die Kosten werden auf rund 3,3 Milliarden Euro beziffert.
Mehrere zehntausend Menschen haben im März in Frankreich gegen den Bau dieses Atommeilers demonstriert. Allein in Rennes gingen nach Angaben der Veranstalter etwa 40000 Atomkraftgegner auf die Straße, um gegen den EPR zu protestieren. Auch in Ly-on, Straßburg und Toulouse beteiligten sich mehrere tausend Menschen an den Kund-gebungen.

Kontakt:
Thorben Becker (BUND) Regine Richter (urgewald)
thorben.becker@bund.net regine@ungewald.de
030-27586-421 030-44339169

(1) Richard Orange: “ Power trio set to agree joint UK nuclear bid“, The Busi-ness, 21.2.2007
(2) SkYNews, “Greenpeace wins nuclear challenge“, 15.2.2007
(3) „RWE joins bidding for Romanian nuclear plant extension contract“ 23.7.2006 www.iii.co.uk/news/
(4) Die Mängel und Verstöße gegen das UVP-Gesetz dokumentierten Greenpeace und WISE (Jan Haverkamp, Petko Kovachev, „WISE/Greenpeace investigation into Belene EIA hearings conclude active manipulation – Advice to repeat hearings or not accept final EIA report“, Prag/Sofia, September 2004)
(5) Nuclear Energy Institute blog: ‘German Utility Mulls European Markets for New Reactor Build’ (http://neinuclearnotes.blogspot.com/2006/06/german-utility-mulls-european-markets.html) June 28, 2006
(6) „E.ON wants gas power plant in Slovakia, mulls nuclear“, Bloomberg 22.3.2007
(7) „E.ON plant neues AKW“, ND 21.,22. April 2007

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